März 2021

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Ein besonderes Herzensprojekt ist mir der Lindenhof in Oberaach, TG, geworden. Eine Alternative zum Einfamilienhaus: Für Familien erschwingliche Wohnungen, die den Komfort eines Häuschens mit der Dichte von Wohnungsbauten verbindet und die durch den gemeinsamen Aussenraum auf  unaufdringliche Art zur Gemeinschaftlichkeit anregen sollen.

Der Rohbau der ersten beiden Einheiten steht jetzt und macht grosse Freude – die Splitlevelorganisation erweist sich wie gewünscht als räumliche Wundertüte, die französischen Fenster als optimale Lösung für die Zimmer – und die Räume unter dem Dach als aussergewöhnliche Bäder. Und in jeder Wohnung erzeugt die Dualität der Lage – auf der Südseite die räumliche Nähe des Hofes, auf der Nordseite der weite Blick in die Kulturlandschaft – eine erstaunlich spannungsvolle Wahrnehmung des Ortes.

Im aktuellen Hochparterre Wettbewerbe durfte ich mein Lieblingshaus vorstellen – die Villa Jurkovič in Brünn. (Dušan Jurkovič, 1906)
Weil das Format nur kurze Texte vorsieht, mir es aber schwer fällt, kurze Texte zu schreiben, musste mein viel zu langer Text fürs Heft gekürzt werden. Hier nun der Vollständigkeit halber der komplette Text, inklusive einleitendem Zitat und Fussnote. (Die Fussnote erklärt auch den schönen Titel, den Ivo Bösch im Heft gesetzt hat: „All die Wunder“.)

 

„Die Diele hat die Rolle des früheren Wohnzimmers übernommen; hier wird gelesen, geraucht, Siesta gehalten, Kaffee oder Thee getrunken, hier empfängt man seine intimsten Freunde.“

Henrin Baudin, Villen und Landhäuser der Schweiz, 1909

 

Alle die fertigen und vorbereiteten Wunder[1]

Die Halle ist ebenso das räumliche Zentrum des Hauses wie jenes des täglichen Lebens. Ankommen, Wohnen, Essen, Freitzeit, Bewegung – alles findet hier statt: Ein Tisch in der Mitte für Gäste. Eine dämmrige Nische als Lounge für das Buch, den Cognac und die Zigarette am Abend. Eine helle Nische unter der Treppe für Hausaufgaben, für Tee, fürs Lesen, fürs Nähen. Ein Ofen mit Bänkli für jene, die aus der Kälte kommen.

Hauseingang, Erschliessung des Erdgeschoss und eine kleine Treppe ins  Obergeschoss. Eine Galerie, von der man die Halle überblickt und die Gästezimmer, Kinderzimmer und Atelier erschliesst.

Es ist ein introvertierter, geschützter Raum. Die zwei kleinen Fenster im Erdgeschoss öffnen sich zur Veranda und bieten kaum einen direkten Blick ins Freie. Die Verglasungen der Türen sind mattiert. Die Konzentration ist ins Innere gerichtet. Ein Raum als Hommage an die Gemeinschaft der Menschen, die in diesem Haus alltäglich zusammenleben.

Sitzt man im Herbst am späten Nachmittag am Tischchen unter der Treppe und wünscht sich einen Tee, strahlt das Licht – gefiltert und gebrochen – durch das Strukturglas der riesigen Verglasung im oberen Bereich des zweigeschossigen Raumes direkt in die Nische und füllt sie mit so gleissendem wie sanftem Licht. Ein Licht, das an Schönheit kaum zu übertreffen ist und eine unglaubliche Präsenz bekommt durch den dämmrigen Grundton des Raumes.

Eichenholzparkett, dunkles Holz mit roten ausgemalten, volkstümlichen Schnitzereien, grüne Kacheln am Ofen, rot-violette Linkrusta-Wandbeläge, im oberen Bereich weisse Putzflächen, gegliedert mit Holzeinfassungen. Ornamental bedruckte Tapeten in der Nische, warmes Zitronenholzfurnier in der Lounge, beige Stoffbezüge, ein silbern schimmernder Vorhang. Ein Leuchter aus Messing. Dazu ausgestelltes Kunsthandwerk – für die bemalten Teller der slowakischen Volkskunst sind vielfältige Halterungen in die Architektur integriert – und integrierte Malerei. Dazu kommen kleine und grössere Modifikationen im Schnitt, dramatisches Licht, Durchblicke, Nischen, gezeigte Holzstatik. Kurz: der Raum ist unglaublich reich, vielfältig, bunt – aber nie unruhig oder überladen.

Für all dies braucht Jurkovič nicht mehr als 37m2.

[1] Aus einem Text von Vàclav Tille über Jurkovič, 1911, zitiert nach „Dušan Jurkovič, Der Architekt und sein Haus“, Brünn 2010

 

Architekt: Dušan Jurkovič
Haus: Villa Jurkovič
Ort und Baujahr: Brünn, 1906