Lukas Imhof

Perspektivische Zeichung der beiden Wohnhäuser Albisstrasse 9 und 11, Charles Graessle, 1926/27

Über den Architekten Charles Graessle ist wenig bekannt. In den einschlägigen Ecken des Internets ist nichts über Graessle zu erfahren. Lediglich im Stadtarchiv Zürich sind Fragmente einer Baueingabe von 1926 für ein wohl nie gebautes Projekt am Züriberg zu finden. Und glücklicherweise liegen uns einige Pläne und eine Skizze zu Graessles Bauten an der Albisstrasse vor, mit denen wir uns zur Zeit beschäftigen dürfen.

Daraus wird ersichtlich, dass Graessle sein Büro – zumindest im Jahr 1926 – an der Gotthardstrasse 64 hatte. Heute grenzt diese Adresse an den Tessinerplatz, der aber in seiner heutigen Ausdehnung erst später erstellt wurde. Dennoch müsste Graessle schräg aus dem strassenseitigen Fenster schauend, auf die Baustelle des Bahnhofs Enge (1925 – 1927) gesehen haben, während er am Projekt für die Albisstrasse gearbeitet hat.

Ungefähr möglicher Blick von der Gotthardstrasse 64 – wo das Büro von Charles Graessle war – auf den Bahnhof Enge

Dieser Bahnhof der Gebrüder Pfister ist End- und Höhepunkt einer der grössten Infrastrukturmassnahmen, die Zürich je erlebt hat – die „Tieferlegung der linksufrigen Zürichseebahn“ (1914 – 1927). Sie fiel in die Amtszeit Hermann Herters als Stadtbaumeister, der sich mit der engen Begleitung der städtebaulichen, architektonischen und freiräumlichen Gestaltung der neuen Bahnstrecke zwischen Hauptbahnhof und Bahnhof Enge tief ins Weichbild der Stadt eingeschrieben hat.

Herter hat sich auch ausserhalb seiner Funktion als Stadtbaumeister auf vielfältige Weise und mit grosser Machtkonzentration in die Architektur der Stadt eingebracht und -gemischt. In seiner langen Amtszeit von 1919 bis 1942 war er nicht nur Amtschef, sonder auch bauender Architekt, der Dutzende für die Stadt wichtige Projekte realisiert hat. Zudem war er im Vorstand von SIA und BSA wie auch der Baukommission der Kirchenpflege. Zu fast jedem grösseren Bauprojekt in der Stadt Zürich hat er in dieser Zeit ein Gutachten verfasst und er war in nicht weniger als 150 Jurys.

Herter scheint eine nicht allzu grosse Spannweite der architektonischen Moderne zugelassen zu haben. Auf der einen Seite des Spektrums finden wir einen (meist recht zurückhaltenden) Modernismus in der Art des „Neuen Bauens“, zu dem man auch in Herters Werk einige gelungene Beispiele findet – etwa die Badi in Wollishofen. Auf der anderen Seite goutierte Herter eine regionalistische, von Handwerk und Material geprägte Moderne, die zuweilen auch historisierende Züge aufweisen konnte. Dazu gehört etwa der Bahnhof Enge der Gebrüder Pfister, der in seiner beziehungsreichen, vieldeutigen und damals auch umstrittenen Architektur zwischen zurückhaltender Moderne und historisierendem Regionalismus typisch für diese Form der Zürcher Moderne stehen kann. (Im Falle des Bahnhofs Enge ist die Region, auf die sich bezogen wird, interessanterweise das Tessin – aber das ist eine andere Geschichte.)

Jene Zürcherische Moderne aber, die Herter wirklich bevorzugte, hat er mit dem im Zuge der Tieferlegung erbauten Reiterbahnhof Wiedikon exemplarisch selber formuliert. Es handelt sich dabei um eine zurückhaltende, schlichte und solide Architektur, die immer modern und funktional ist, aber durchaus auch repräsentativ sein kann. Es ist eine Architektur mit vielfältigen Bezügen zur Geschichte der Architektur und des Ortes, aber niemals historisierend oder einer „Neo“-Stilrichtung zuordenbar.

Bahnhof Wiedikon von Hermann Herter

Obwohl nicht von ihm, sind auch die Seebahnhöfe (Erismannhof, Kolonie Seebahn, ABZ-Siedlung Kanzlei) entlang des ersten Abschnitts des Seebahn-Einschnitts typisch für jene Architektur, die Herter propagierte: Sachliche, einfachere Häuser: durchaus modern, aber mit nur wenig modernistischen Motiven. Die Fenster meist mit hölzernen, farbigen Klappläden, die Wände verputzt und zurückhaltend gegliedert, die Dächer mit Ziegel gedeckt, meistens gewalmt und mit knappen Dachüberständen.

Lediglich die Farbigkeit jener Bauten hat Herter (glücklicherweise vergeblich) bekämpft – er bevorzugte verschiedene Grautöne mit höchstens leichter Farbigkeit, was eher den nahen Bullingerhof (Kündig und Oetiker, 1931) zu einem Wohngebäude macht, das dem Herter‘schen Ideal eines modernen Wohngebäudes idealtypisch entspricht.

Es könnte also hilfreich sein, die Arbeit Graessles auch im Hinblick auf diese ideale Stadtarchitektur Hermann Herters zu betrachten, die damals ein mitprägender Einfluss für die meisten Architekt:innen in Zürich gewesen sein dürfte. Wir wissen nicht, in welcher Form und in welchem Mass sie dem jungen Kollegen Graessle die Entwürfe beeinflusste, aber wir glauben, sie recht typisch in seinem Entwurf für die Albisstrasse 9 und 11 zu finden. Typisch ist sie gerade in ihrem zuweilen unentschlossenen, zuweilen souveränen Verhältnis zwischen Tradition und Moderne.

Der erste Entwurf für das Gebäudeensemble von Albisstrasse 9 und 11 zeigt, dass Graessle mit der Moderne durchaus vertraut ist. Anstelle des später realisierten Mansardendachs sieht er abgestufte Flachdächer mit Terrassen vor, die Gebäudemasse wird kubisch gegliedert und auch einige Fenster zeigen sich modernistisch. Und die verzogene Gebäudeecke zur Renggerstrasse mit einem (nur formal, nicht technisch) übereck geführten Fenster erinnert an die Architektur des deutschen Expressionismus. Eine glücklicherweise erhaltene Skizze Graessles zeigt, gekonnt gezeichnet, diese Absicht des (jungen?) Architekten.

Regelgrundriss Albisstrasse 9 und 11, nicht ausgeführte Entwurfsvariante

Ausgeführt wurden zwei wesentlich einfachere, vielleicht auch biederere Bauten, die sehr viel mehr von Konvention und Tradition geprägt sind, als die erste Phantasie Graessles. Die Terrassen weichen einem Mansardendach, die expressionistische Ecke wird begradigt und die (meisten) Fenster werden konventioneller. Wir wissen nicht, ob die uns unbekannte Bauherrschaft der Grund für diese Vereinfachung war – oder vielleicht gar eine Intervention Herters. In einigen Details nur hat sich der moderne Gestus erhalten: in den gefliessten Eingangsräumen, welche an die Hygienebesessenheit der Moderne erinnern, im eigenwilligen Antrittspfosten des Treppengeländers und in den Fensterformaten des strassenseitigen Erkers der Albisstrasse 9.

Albisstrasse 7, 9 und 11, links Bildseite, historische Aufnahme

Man begibt sich auf das Gebiet reiner Spekulation, aber man darf sich zumindest vorstellen, dass Graessle jung war und ehrgeizig. Die erwähnte Skizze lässt vermuten, dass er die Chance wahrnehmen wollte, sich mit dem Projekt an der Albisstrasse in die aktuelle Architekturdiskussion einzubringen. Man liegt vermutlich auch nicht falsch, wenn man sich weiter vorstellt, dass er unglücklich war mit der nötigen Überarbeitung des Projekts. Enttäuscht und zuweilen wütend mag er aus dem Fenster seines Büros geschaut haben, auf die Baustelle des Bahnhofs Enge, wo die Gebrüder Pfister tonnenweise Granit aus dem Tessin herbeischaffen liessen, um einen steinernen Monumentalismus zu bauen, der Graessle fremd gewesen sein dürfte. Er mag mit sich gerungen und die finanzielle Situation seines Büros abgewogen haben – und ob er sich, wenn er das Projekt trotzdem bauen würde, dereinst vielleicht einen Telefonanschluss leisten könnte, wie die erfolgreicheren Kollegen.

Schliesslich hat er aus den Gegebenheiten das Beste gemacht – und zwei unauffällige Bauten geschaffen, die in ihrer stillen, qualitätsvollen Zurückhaltung zusammen mit hunderten von ähnlichen Bauten bis heute den Stadtkörper Zürichs bilden. Dank ihrer soliden Bauweise und den gut nutzbaren Grundrissen bilden diese Bauten eine wunderbare Ausgangslage für eine Kultur des Sanierens und für die Verlängerung der Lebensdauer unseres Baubestandes um viele Jahrzehnte.

Wie es für Charles Graessle nach dem Abschluss der Bauten an der Albisstrasse, also in den späten 1920er Jahren, weiterging, wissen wir nicht. Er wird nie mehr als Architekt in Erscheinung treten und auch nie Mitglied im SIA oder sogar im BSA werden. Möglicherweise hörte er schon bald auf mit der Architektur oder zumindest mit der Selbstständigkeit. Möglicherweise baut er noch weitere jener Wohnbauten, die es nicht in die Publikationen der Fachwelt schaffen, aber jenes Zürich bilden, das wir lieben.

Sicher aber ist: Charles Graessle wird nie einen Telefonanschluss haben. Zwischen 1900 und 1950 taucht kein Charles Graessle in den schweizerischen Telefonbüchern auf.

 

Epilog – die Charles-Karl-Hypothese

Denkbar ist, dass unser Charles Graessle mit dem Architekten Karl Joh. Grässle identisch war. Dann hätte sich Karl Johannes Grässle in jungen Jahren mit dem eleganteren «Charles» anstelle des biederen «Karl» und mit ae statt ä zu nobilitieren versucht. Der Wechsel von Charles Graessle zu Karl Joh. Grässle würde dann ganz gut zur Entwicklung seiner architektonischen Ansprüchen passen und das Verschwinden von Charles wäre in Wahrheit eine Metamorphose von Charles zu Karl.

In der Zeit zwischen 1930 und 1940 hätte Grässle / Graessle dann tatsächlich einen Telefonanschluss gehabt. Sein Büro wäre aber nicht (mehr) an der Gotthardstrasse ansässig gewesen, sondern unstet durch Zürich gewandert: vom Zeltweg an die Hottingerstrasse, von dort an die Seefeldstrasse und weiter an die Inselhofstrasse. Sollte dieser Grässle etwas gebaut haben, wurde es zumindest in den einschlägigen Architekturzeitschriften nicht publiziert und kaum etwas ist über ihn zu finden. In den 1950er Jahren hat er möglicherweise in Grenchen ein Hotel gebaut und 1959 hat er sich, ohne Erfolg, am Wettbewerb für das Lochergut beteiligt. 1962, im Alter von 61 Jahren, ist das S.I.A.-Mitglied Karl Joh. Grässle verstorben und wurde mit einem sehr kurzen Nekrolog, der keine Auskunft zu möglichen Bauten gibt, verabschiedet. Die Häuser an der Albisstrasse hätte er, sollte er mit Charles identisch gewesen sein, im Alter von rund 26 Jahren gebaut.

 

Hinweise
  • Ich habe diesen Text bewusst zwischen Essay, architekturhistorischer Einordnung und literarischer Spekulation angesiedelt. Ich habe mir deshalb erlaubt, auf Fussnoten, Zitationen und andere Gepflogenheiten wissenschaftlichen Arbeitens zu verzichten. Die gemachten Aussagen zu Herter, Graessle und dem architektonischen Kontext der Zeit sind aber gut belegt. Spekulation bleibt der Blick aus dem Büro auf den Bahnhof Enge. Zwar stimmt der Winkel ungefähr, aber in welchem Geschoss Graessles Büro an der Gotthardstrasse 64 war, ist mir nicht bekannt. Möglich ist auch, dass die Hausnummer 64 das Gebäude im Hinterhof (nicht mehr existierend) bezeichnete. (Grundriss Bürostandort und Bahnhof Enge.)   
  • Unser Projekt betrifft nur den einen der zwei Bauten von Graessle an der Albisstrasse, jenen mit der Hausnummer 9. Es sei den Leser:innen überlassen, die expliziten und impliziten Bezüge unserer Neufassung der Albisstrasse 9 zu dieser Einordnung herzustellen. 
  • Bildnachweise:
    Bahnhof Enge: Zeitgenössische Postkarte |  Bahnhof Wiedikon: Werk 14/1927 | restliche Bilder: Archiv Bauherrschaft

 

Mit diesem fragmentierten Ausblick, fotografiert durch das Strukturglas des Treppenhaus der neuen Faultürme der Kläranlage Jungholz in Uster, wünschen wir Allen frohe Festtage und ein gutes neues Jahr 2026!
(Bild: Karin Burkhardt)

 

Erfreuliches aus der Abteilung Kindergärten: Wir konnten den Wettbewerb für einen Vierfachkindergarten in Eiken gewinnen und freuen uns sehr darüber!

Als ortsbauliches Ordnungselement und als verbindender Raum für Kinder, Lehrpersonen und Eltern etablieren wir eine gedeckte «Gasse», die alle vier Kindergärten verbindet: Erschliessungsraum, gedeckter Spiel- und Lernbereich und Schattenspender in einem. Diese Gasse mündet in einem morgensonnigen Ankunftsplatz. Und alle Kindergärten sind nicht nur von der Gasse her erschlossen, sondern können mit einer Faltverglasung auch zur Gasse geöffnet werden, sodass Klassenzimmer und Aussenraum im Sommer ineinander übergehen. Jeweils zwei Kindergärten sind zusammen organisiert und können an verschiedenen Stellen verbunden werden. Natürliche Materialien (Holz, Lehmputze, Linoleum), eine ausgeprägte Farbigkeit und ein wunderbarer Garten (August und Margrith Künzel Landschaftsarchitektur) lassen, hoffentlich, einen Ort entstehen, der Kindern für die ersten Jahre ihre Schulzeit Heimat sein möge.

Mit: schaerholzbau, August und Margrith Künzel Landschaftsarchitektur, Prona Nachhaltigkeit

 

 

Wir hatten uns vorgenommen, das nachhaltigste und einfachste Gebäude zu entwerfen, dass wir uns vorstellen konnten. Wir haben dafür eine interdisziplinäre Zielvereinbarung formuliert und uns hohe Ziele gesteckt: kein Zement, keine Leime, keine Schäume. Dauerhaft, aber komplett rückbau- und wiederverwendbar. Nur natürliche Materialien. Bilanziell energieautark. Einfacheste  Haustechnik. Erhalt der Bäume auf dem Areal. Wiederverwendung von vorhandenen Bauteilen.

Mit unserem Entwurf ERLA waren wir dann ganz glücklich. Auf Schraubfundamenten erstellt und komplett in Schnittvollholz konstruiert, mit Speichermasse aus Lehmziegeln und einer natürlichen Lüftung, die auch als Nachtauskühlung dient und für die wir mit raumhaltigen Kaminen den nötigen Druckunterschied erzielten. Ausserdem konnten wir zwei alte Bäume erhalten, die gefällt werden sollten. Und zumindest wir glaubten: schön waren die Räume auch. Und das Gebäude identitätsstiftend für den Ort.

Das Projekt wurde im Wettbewerb mit dem zweiten Platz ausgezeichnet und ein schönes, eher konventionelles Projekt eines örtlichen Architekturbüros zum Siegerbeitrag gekürt. Was in der Jury vor sich ging, darüber kann natürlich nur spekuliert werden – aber das identische Preisgeld für den ersten und den zweiten Platz ist zumindest aussergewöhnlich.

Auch der Jurybericht gibt leider keine Auskunft. Da ist viel von „Prinzen und Kapitäninnen, Ritterinnen und Bauersleuten“ oder auch von «gutmütigen Wächtern» die Rede, aber kaum von Architektur. Nur den Technikraum hätte sich die Jury, ohne weitere Begründung, zentraler im Gebäude gewünscht. (Warum auch immer. Das Haus hat ja kaum Technik und wo die Elektroeinführung stattfindet war kaum je Gegenstand von Juryentscheidungen. Es scheint sich eine Art gefühltes Haustechnikwissen zu handeln oder um eine typologisch-räumlich wirksame Spielform der Esoterik.) Und die Nebenräume, also Lager- und Putzräume, würden «abgefüllt» wirken. (???)

Eigentlich wird nur im Schlusssatz eine ernstzunehmende Kritik geäussert. Und zwar, dass sich das Projekt in „Formalismen verstricke“. Leider wird kein einziger dieser Formalismen benannt und ich stehe vor diesem Satz wie eine Comicfigur mit plakativ offenem Mund und ganz vielen, dick und gross gezeichneten Fragezeichen über dem Kopf. Es ist vermutlich das am wenigsten formalistische Projekt unserer zwanzigjährigen Bürogeschichte. Noch nie wurde so viel in einem unserer Entwürfe von Konstruktion und Haustechnik – von Luftströmen, Druckunterschieden, Wurzelräumen, Speichermassen, rohen Materialien, Schnittholzlängen und mechanischen Holzverbindungen – definiert.

Wie auch immer. Es ist nicht unüblich, dass ein Jurybericht mehr verschleiert als erklärt – und aus Niederlagen gilt es zu lernen. Vor allem aber sind die Erfahrungen, Gedanken und Ideen auch von nicht realisierten Projekten die Grundlage des nächsten, besseren Entwurfs.

Mit den Gedanken und Absichten aus dem Projekt in Wil machten wir uns also an unseren nächsten Kindergartenentwurf. Wir erweiterteten die Zielvereinbarung um die Absicht, eine vielfältig umnuztbare Struktur zu schaffen, um zukünftige Entwicklungen in pädagogischen Konzepten und Bedürfnissen abbilden zu können. So wurde das Grundkonzept des Kindergartenentwurfs in Wil um eine repetitive, gerasterte Stützenstruktur erweitert, welche auf dem Raster der Tiefgarage beruht und einen direkten Lastabtrag ohne Abfangdecke ermöglicht. Innerhalb diese gerasterten Systems gibt es keine tragenden oder aussteifenden Wände, sodass in Zukunft eine grosse Zahl von Nutzungen möglich ist.

Auch mit diesem Entwurf waren wir sehr glücklich. Diesesmal aber auch die Jury und die Bauherrschaft – und wir hatten das Glück, das Verfahren gewinnen zu können. Heute nun hat die Volksschulgemeinde Bottighofen den Baukredit über knapp 10‘000‘000 Sfr. mit 65% JA-Stimmen angenommen. Wir freuen uns sehr über dieses Resultat, das Vertrauen der Bevölkerung und die nun kommende Umsetzung unseres Projektes.

 

Im Frühjahr wurde die erste Etappe unserer Produktionserweiterung der Appenzeller Alpenbitter fertiggestellt und kurz darauf in Betrieb genommen. Es handelt sich dabei um einen Neubau eines Hochregallagers für Spirituosen und eine neue Spedition mit Anlieferung und Selbstabholung. Die Bauarbeiten für die zweite Etappe – eine Aufstockung auf die bestehende Abfüllanlage mit Büros und Lagerflächen haben bereits begonnen und werden 2026 abgeschlossen sein.

In den letzten Tagen ist nun die photographische Dokumentation der ersten Etappe abgeschlossen worden. Hannes Heinzer hat den Bau mit grossem Verständnis photographier – einige der Bilder sind nun online und auf unserer Projektseite aufgeschaltet. (Dieser Beitrag ist ein Update zu «Aufgerichtet«)

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Ein neues, altes Ensemble

Wie baut man ein Gebäude zwischen ein denkmalgeschütztes Electrizitätswerk aus der Zeit um 1900 und einem hochwertigen Feuerwehrgebäude in der typischen Architektursprache der 1960er Jahren?

Eine gänzlich neue Sprache in einer Baulücke auf so engem Raum dürfte beide Baudenkmäler bedrängen und kompromittieren. Lehnt man sich also volumetrisch und gestalterisch eher an eines der beiden flankierenden Bauwerke an? Lehnt man sich (historisierend) an die ausgefachte Betonskelettbauweise von Danzeiser + Voser oder die Architektur der vorletzten Jahrhundertwende an? Beides halten wir für kaum machbar.

Wir haben lange über diese Frage nachgedacht – und dann bemerkt, dass das Problem eigentlich schon gelöst ist. Denn es besteht mit dem Zwischenbau von 1897 ja bereits ein Verbindungsbau zwischen den beiden flankierenden Protagonisten unseres Bauplatzes. Unser erster Versuch bestand also darin, die beiden bestehenden Fassaden des Zwischenbaus so zu verschieben, dass ein vergrössertes Spielfeld für die neue Nutzung aufgespannt wird. Aufgrund der grossen Volumina der neuen Nutzung funktioniert diese Strategie nicht zufriedenstellend.

Wir fanden unsere Lösung schliesslich in einem Volumen, dass das fragmentarisch erhalten, historische Ensemble mit einem linearen Bau wieder zu einem Dreiklang ergänzt. Die historische Fassade des Zwischenbaus zerlegen wir, arrangieren sie neu und ergänzen sie mit einem Aufbau in Holz, der architektonisch die historische Dachlandschaft interpretiert und auch dem Bau von Danzeiser + Voser nicht zu nahe tritt.

Mit der Fragmentierung und interpretierenden Weiterverwendung der bestehenden Fassaden eröffnet sich ein neuer Möglichkeitsraum der Gestaltung: Ein neuer Bau, der Geschichte in sich trägt, indem er in seiner Erscheinung zu grossen Teilen aus einem alten Gebäude besteht – einem Gebäude, das schon immer als Verbindungsbau an Ort und Stelle stand. Wir verstehen den “Re-Use” dieser Fassade nicht nur als (verhältnismässig kleinen) Beitrag zur Reduktion von CO2, sondern auch  im Sinne einer Spolie – also dem bewussten Einsatz von Bauteilen aus Vorgängerbauten als kulturelle Praxis. Unsere Fassaden sollen ein Stück Stadtgeschichte bewahren, Wertschätzung und Zuneigung zum Bestand ausdrücken, Kontinuität generieren und neue und alte Bauteile über die Epochen hinweg zueinander in Beziehung setzen. Mittels motivischer und physischer Referenz auf die Baugeschichte des unmittelbaren Ortes und die ursprüngliche Bebauung entsteht ein Bedeutungstransfer aus der Geschichte des Ortes – und wenn man so will, auch ein leises Zeichen gegen die Ressourcenverschwendung.

Dazu zerlegen wir die bestehende Fassade einerseits in grössere Module, die wir als Ganzes wiederverwenden – und andererseits in einzelne Backsteine, die wir zum Mauern und Ergänzen verwenden.  Die Module, in einfache Stahlrahmen gespannt, können direkt auf der Baustelle gelagert und später wieder eingebaut werden. Die Weiter-Verwendung von Backsteinen historischer Bauwerke (bis ca. 1960) ist unproblematisch, da sich der Materialverbund mit Fugen aus dem recht weichen Kalkmörtel, leicht lösen lässt. Wir benutzen die so gewonnen Ziegelsteine für ergänzende Bauteile, etwa für die neuen Eckpilaster, die Zahnfriese und als Ausfachung im Innern des Gebäudes.

Anstelle der Imitation oder der Coverversion tritt so das Prinzip des Remix in der Form einer interpretierenden Collage. Was in der Musik längst eine eigene Kunstform geworden ist, kann in der Architektur im Zeichen der Nachhaltigkeit ein neues Gestaltungsprinzip von Weiterverwenden und Adaptieren werden.  Und wir hoffen, mit diesem Vorgehen die leisen Phantomschmerzen zu lindern, die das arg verstümmelte Ensemble auslöst – und so nicht nur einen Ausdruck für unseren Neubau zu generieren, sondern auch den verbliebenen Bestand zu stärken.

Wir freuen uns sehr über das Resultat des Projektwettbewerbs «Unterwerk Steinachstrasse» , den wir zusammen mit Synaxis und Pauli | Stricker gewinnen durften.

 

Liebe Freund:innen, liebe Kolleg:innen

Wir laden Euch herzlich ein zur Besichtigung der fertiggestellten, ersten Etappe der Betriebserweiterung der Appenzeller Alpenbitter AG. Der Neubau, errichtet aus betriebseigenem Holz, beherbergt das schweizweit erste Hochregallager aus Holz für Spirituosen. Wir freuen uns auf Euren Besuch am:

Samstag, 15.03.2025
11.00 bis 16.00 Uhr

Weissbadstrasse 27, 9050 Appenzell

Wir erwarten Euch auf der Ostseite der Anlage bei Würsten und Getränken, direkt neben dem Viadukt.

Öffentliche Parkplätze sind im näheren Umfeld vorhanden. Über die neue Zufahrtstrasse kann auch direkt durchs Viadukt zur Anlieferung gefahren werden.
Vom Bahnhof Appenzell dauert der Spaziergang wenige Minuten. (Wer mit dem Zug (S21) von St.Gallen anreist, kann das Gebäude schon aus dem Zug aus gut sehen…)

Und noch ein Hinweis: Die Umgebung von Appenzell bietet eine grosse Zahl an wunderbaren Wanderungen jeglichen Schwierigkeitsgrades. Wir beginnen darum schon um 11 Uhr – so lässt sich die Besichtigung der Betriebserweiterung mit einer kleinen Wanderung zu einem schönen Ausflug ins Appenzellerland erweitern.

Jean-Brice de Bary, Lukas Imhof und Team

Unter diesem Link findet ihr die Einladung auch als PDF zum Ausdrucken und Weiterschicken.

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Wir freuen uns sehr über den gewonnen Studienauftrag «Mehrzweckhalle und Schulraumerweiterung Uesslingen-Buch“. Und wir freuen uns besonders darüber, mit diesem Projekt gewonnen zu haben. Denn wir haben uns bemüht, die Eingriffe so klein zu halten wie möglich, die Erweiterung knapp und integrativ und die ganze Anlage auf eine möglichst zurückhaltende, fast leise Art in ein zukunftsfähiges Ensemble umzuwandeln. Es ist schön, wenn die Fachjury, aber vor allem auch die zukünftigen Nutzer:innen solche Ansätze zu schätzen wissen.

Das bestehende Schulhaus, obschon zum Abbruch freigegeben, lassen wir stehen – und versuchen, mit einigen kleinen Eingriffen und einer kleinen Erweiterung die ursprünglichen Qualitäten des Baus wiederzufinden und in zeitgemässe Schulräume zu übersetzen. Selbstverständlich lassen wir auch den bestehenden Kindergarten stehen. Er funktioniert gut und hat das Ende seiner Lebensdauer längst nicht erreicht. Statt einem Abbruch versuchen wir, seine etwas unglückliche, städtebauliche Setzung in das neue Ensemble einzubinden. Die Erweiterung der Anlage mit einer Mehrzweckhalle, einem Kindergarten und Räumen für die Lehrpersonen erfolgt in einer Holzbauweise, die ihren Ausdruck zwischen der Sprache des Holzbaus, der Geschichte des Ortes und dem erhaltenen Schulgebäude findet.

Die Qualitäten des Projekts entstehen aber nicht nur durch die neuen Bauten, sondern vor allem auch durch die Räume, die zwischen den Bauten entstehen. Eine vielfältige Platz- und Raumabfolge entsteht, die auf verschiedenen Ebenen unterschiedliche Funktionen für Schule und Kindergarten, aber auch für das Vereins- und Dorfleben abzudecken vermag. Durch das Zusammenrücken der Bauten werden zudem die Landreserven geschont und der Versiegelungsgrad reduziert.

Ökologie, Ökonomie und Nutzung gehen so in der architektonischen Idee des Weiterbauens auf.

Am 1. März stimmten die Stimmbürger und Stimmbürgerinnen von Uesslingen-Buch dem Planungskredit für die neue Schulanlage zu. Wir freuen uns sehr – und danke für das Vertrauen!

In seinem Text «Folge der Leiter!» (Daidalos, Teil 2: Shinohara, Tokio und die Verheissung menschlicher Schatten«) berichtet Tibor Joanelly von einem Gesprach Shinoharas mit einem Freund – der in die Innenräume der Wohnhäuser Shinoharas etwas hineindeutet, was er als «feeling of town» bezeichnet  – und was er schliesslich mit «the city in the metaphysical sense […] becomes visible in [Shinohara’s] residences» ausdeutet.

Ohne diese kleine Arbeit mit einem Bau von Shinohara vergleichen zu wollen und ohne Shinohara überhaupt als konkrete Referenz verwendet zu haben, empfinden wir beim Durchschreiten des komplexen und vielfältigen Raumgefüges dieser Physiotherapiepraxis in der Innenstadt von Lenzburg ein Gefühl wie beim Gehen in einem städtischen Kontext: Das neu hinzugekommene schmiegt sich an das Alte, wird vom Bestand ge- und verformt und wirkt wieder zurück auf den Bestand.

Um das schon einmal erweiterter Haus wird eine weitere Raumschicht gelegt. Es entsteht ein zusammengefügtes, vielschichtiges Raumgebilde, in dem alte und neue Teile aufeinandertreffen und zusammenkommen und in dem Räume und Wege entstehen, die man in einem Neubau niemals so planen würde. Es entstehen Durchblicke, Engstellen, Kreuzungen, Kurven, dunkle Ecken und Sackgassen. Greifbar wird der Raum erst in der Bewegung, verständlich wird er erst beim mehrfachen Besuchen. Die Tiefe des Raumgefüges und die bewusst nicht helle Farbigkeit gibt der Dunkelheit, den Schatten, den Reflexionen und schliesslich auch dem hellen Tageslicht besonderes Gewicht.

Die Projektleitung hat Caroline Schillinger besorgt. Der Bau wurde in einem begrenzten Kostenrahmen und in enger Zusammenarbeit mit Schär Holzbau ausgeführt. Die Bilder von Hannes Heinzer sind nun auf der Projektseite abrufbar, Publikationspläne folgen demnächst.