
Über den Architekten Charles Graessle ist wenig bekannt. In den einschlägigen Ecken des Internets ist nichts über Graessle zu erfahren. Lediglich im Stadtarchiv Zürich sind Fragmente einer Baueingabe von 1926 für ein wohl nie gebautes Projekt am Züriberg zu finden. Und glücklicherweise liegen uns einige Pläne und eine Skizze zu Graessles Bauten an der Albisstrasse vor, mit denen wir uns zur Zeit beschäftigen dürfen.
Daraus wird ersichtlich, dass Graessle sein Büro – zumindest im Jahr 1926 – an der Gotthardstrasse 64 hatte. Heute grenzt diese Adresse an den Tessinerplatz, der aber in seiner heutigen Ausdehnung erst später erstellt wurde. Dennoch müsste Graessle schräg aus dem strassenseitigen Fenster schauend, auf die Baustelle des Bahnhofs Enge (1925 – 1927) gesehen haben, während er am Projekt für die Albisstrasse gearbeitet hat.

Dieser Bahnhof der Gebrüder Pfister ist End- und Höhepunkt einer der grössten Infrastrukturmassnahmen, die Zürich je erlebt hat – die „Tieferlegung der linksufrigen Zürichseebahn“ (1914 – 1927). Sie fiel in die Amtszeit Hermann Herters als Stadtbaumeister, der sich mit der engen Begleitung der städtebaulichen, architektonischen und freiräumlichen Gestaltung der neuen Bahnstrecke zwischen Hauptbahnhof und Bahnhof Enge tief ins Weichbild der Stadt eingeschrieben hat.
Herter hat sich auch ausserhalb seiner Funktion als Stadtbaumeister auf vielfältige Weise und mit grosser Machtkonzentration in die Architektur der Stadt eingebracht und -gemischt. In seiner langen Amtszeit von 1919 bis 1942 war er nicht nur Amtschef, sonder auch bauender Architekt, der Dutzende für die Stadt wichtige Projekte realisiert hat. Zudem war er im Vorstand von SIA und BSA wie auch der Baukommission der Kirchenpflege. Zu fast jedem grösseren Bauprojekt in der Stadt Zürich hat er in dieser Zeit ein Gutachten verfasst und er war in nicht weniger als 150 Jurys.
Herter scheint eine nicht allzu grosse Spannweite der architektonischen Moderne zugelassen zu haben. Auf der einen Seite des Spektrums finden wir einen (meist recht zurückhaltenden) Modernismus in der Art des „Neuen Bauens“, zu dem man auch in Herters Werk einige gelungene Beispiele findet – etwa die Badi in Wollishofen. Auf der anderen Seite goutierte Herter eine regionalistische, von Handwerk und Material geprägte Moderne, die zuweilen auch historisierende Züge aufweisen konnte. Dazu gehört etwa der Bahnhof Enge der Gebrüder Pfister, der in seiner beziehungsreichen, vieldeutigen und damals auch umstrittenen Architektur zwischen zurückhaltender Moderne und historisierendem Regionalismus typisch für diese Form der Zürcher Moderne stehen kann. (Im Falle des Bahnhofs Enge ist die Region, auf die sich bezogen wird, interessanterweise das Tessin – aber das ist eine andere Geschichte.)
Jene Zürcherische Moderne aber, die Herter wirklich bevorzugte, hat er mit dem im Zuge der Tieferlegung erbauten Reiterbahnhof Wiedikon exemplarisch selber formuliert. Es handelt sich dabei um eine zurückhaltende, schlichte und solide Architektur, die immer modern und funktional ist, aber durchaus auch repräsentativ sein kann. Es ist eine Architektur mit vielfältigen Bezügen zur Geschichte der Architektur und des Ortes, aber niemals historisierend oder einer „Neo“-Stilrichtung zuordenbar.

Obwohl nicht von ihm, sind auch die Seebahnhöfe (Erismannhof, Kolonie Seebahn, ABZ-Siedlung Kanzlei) entlang des ersten Abschnitts des Seebahn-Einschnitts typisch für jene Architektur, die Herter propagierte: Sachliche, einfachere Häuser: durchaus modern, aber mit nur wenig modernistischen Motiven. Die Fenster meist mit hölzernen, farbigen Klappläden, die Wände verputzt und zurückhaltend gegliedert, die Dächer mit Ziegel gedeckt, meistens gewalmt und mit knappen Dachüberständen.
Lediglich die Farbigkeit jener Bauten hat Herter (glücklicherweise vergeblich) bekämpft – er bevorzugte verschiedene Grautöne mit höchstens leichter Farbigkeit, was eher den nahen Bullingerhof (Kündig und Oetiker, 1931) zu einem Wohngebäude macht, das dem Herter‘schen Ideal eines modernen Wohngebäudes idealtypisch entspricht.
Es könnte also hilfreich sein, die Arbeit Graessles auch im Hinblick auf diese ideale Stadtarchitektur Hermann Herters zu betrachten, die damals ein mitprägender Einfluss für die meisten Architekt:innen in Zürich gewesen sein dürfte. Wir wissen nicht, in welcher Form und in welchem Mass sie dem jungen Kollegen Graessle die Entwürfe beeinflusste, aber wir glauben, sie recht typisch in seinem Entwurf für die Albisstrasse 9 und 11 zu finden. Typisch ist sie gerade in ihrem zuweilen unentschlossenen, zuweilen souveränen Verhältnis zwischen Tradition und Moderne.
Der erste Entwurf für das Gebäudeensemble von Albisstrasse 9 und 11 zeigt, dass Graessle mit der Moderne durchaus vertraut ist. Anstelle des später realisierten Mansardendachs sieht er abgestufte Flachdächer mit Terrassen vor, die Gebäudemasse wird kubisch gegliedert und auch einige Fenster zeigen sich modernistisch. Und die verzogene Gebäudeecke zur Renggerstrasse mit einem (nur formal, nicht technisch) übereck geführten Fenster erinnert an die Architektur des deutschen Expressionismus. Eine glücklicherweise erhaltene Skizze Graessles zeigt, gekonnt gezeichnet, diese Absicht des (jungen?) Architekten.

Ausgeführt wurden zwei wesentlich einfachere, vielleicht auch biederere Bauten, die sehr viel mehr von Konvention und Tradition geprägt sind, als die erste Phantasie Graessles. Die Terrassen weichen einem Mansardendach, die expressionistische Ecke wird begradigt und die (meisten) Fenster werden konventioneller. Wir wissen nicht, ob die uns unbekannte Bauherrschaft der Grund für diese Vereinfachung war – oder vielleicht gar eine Intervention Herters. In einigen Details nur hat sich der moderne Gestus erhalten: in den gefliessten Eingangsräumen, welche an die Hygienebesessenheit der Moderne erinnern, im eigenwilligen Antrittspfosten des Treppengeländers und in den Fensterformaten des strassenseitigen Erkers der Albisstrasse 9.

Man begibt sich auf das Gebiet reiner Spekulation, aber man darf sich zumindest vorstellen, dass Graessle jung war und ehrgeizig. Die erwähnte Skizze lässt vermuten, dass er die Chance wahrnehmen wollte, sich mit dem Projekt an der Albisstrasse in die aktuelle Architekturdiskussion einzubringen. Man liegt vermutlich auch nicht falsch, wenn man sich weiter vorstellt, dass er unglücklich war mit der nötigen Überarbeitung des Projekts. Enttäuscht und zuweilen wütend mag er aus dem Fenster seines Büros geschaut haben, auf die Baustelle des Bahnhofs Enge, wo die Gebrüder Pfister tonnenweise Granit aus dem Tessin herbeischaffen liessen, um einen steinernen Monumentalismus zu bauen, der Graessle fremd gewesen sein dürfte. Er mag mit sich gerungen und die finanzielle Situation seines Büros abgewogen haben – und ob er sich, wenn er das Projekt trotzdem bauen würde, dereinst vielleicht einen Telefonanschluss leisten könnte, wie die erfolgreicheren Kollegen.
Schliesslich hat er aus den Gegebenheiten das Beste gemacht – und zwei unauffällige Bauten geschaffen, die in ihrer stillen, qualitätsvollen Zurückhaltung zusammen mit hunderten von ähnlichen Bauten bis heute den Stadtkörper Zürichs bilden. Dank ihrer soliden Bauweise und den gut nutzbaren Grundrissen bilden diese Bauten eine wunderbare Ausgangslage für eine Kultur des Sanierens und für die Verlängerung der Lebensdauer unseres Baubestandes um viele Jahrzehnte.
Wie es für Charles Graessle nach dem Abschluss der Bauten an der Albisstrasse, also in den späten 1920er Jahren, weiterging, wissen wir nicht. Er wird nie mehr als Architekt in Erscheinung treten und auch nie Mitglied im SIA oder sogar im BSA werden. Möglicherweise hörte er schon bald auf mit der Architektur oder zumindest mit der Selbstständigkeit. Möglicherweise baut er noch weitere jener Wohnbauten, die es nicht in die Publikationen der Fachwelt schaffen, aber jenes Zürich bilden, das wir lieben.
Sicher aber ist: Charles Graessle wird nie einen Telefonanschluss haben. Zwischen 1900 und 1950 taucht kein Charles Graessle in den schweizerischen Telefonbüchern auf.
Epilog – die Charles-Karl-Hypothese
Denkbar ist, dass unser Charles Graessle mit dem Architekten Karl Joh. Grässle identisch war. Dann hätte sich Karl Johannes Grässle in jungen Jahren mit dem eleganteren «Charles» anstelle des biederen «Karl» und mit ae statt ä zu nobilitieren versucht. Der Wechsel von Charles Graessle zu Karl Joh. Grässle würde dann ganz gut zur Entwicklung seiner architektonischen Ansprüchen passen und das Verschwinden von Charles wäre in Wahrheit eine Metamorphose von Charles zu Karl.
In der Zeit zwischen 1930 und 1940 hätte Grässle / Graessle dann tatsächlich einen Telefonanschluss gehabt. Sein Büro wäre aber nicht (mehr) an der Gotthardstrasse ansässig gewesen, sondern unstet durch Zürich gewandert: vom Zeltweg an die Hottingerstrasse, von dort an die Seefeldstrasse und weiter an die Inselhofstrasse. Sollte dieser Grässle etwas gebaut haben, wurde es zumindest in den einschlägigen Architekturzeitschriften nicht publiziert und kaum etwas ist über ihn zu finden. In den 1950er Jahren hat er möglicherweise in Grenchen ein Hotel gebaut und 1959 hat er sich, ohne Erfolg, am Wettbewerb für das Lochergut beteiligt. 1962, im Alter von 61 Jahren, ist das S.I.A.-Mitglied Karl Joh. Grässle verstorben und wurde mit einem sehr kurzen Nekrolog, der keine Auskunft zu möglichen Bauten gibt, verabschiedet. Die Häuser an der Albisstrasse hätte er, sollte er mit Charles identisch gewesen sein, im Alter von rund 26 Jahren gebaut.
Hinweise
- Ich habe diesen Text bewusst zwischen Essay, architekturhistorischer Einordnung und literarischer Spekulation angesiedelt. Ich habe mir deshalb erlaubt, auf Fussnoten, Zitationen und andere Gepflogenheiten wissenschaftlichen Arbeitens zu verzichten. Die gemachten Aussagen zu Herter, Graessle und dem architektonischen Kontext der Zeit sind aber gut belegt. Spekulation bleibt der Blick aus dem Büro auf den Bahnhof Enge. Zwar stimmt der Winkel ungefähr, aber in welchem Geschoss Graessles Büro an der Gotthardstrasse 64 war, ist mir nicht bekannt. Möglich ist auch, dass die Hausnummer 64 das Gebäude im Hinterhof (nicht mehr existierend) bezeichnete. (Grundriss Bürostandort und Bahnhof Enge.)
- Unser Projekt betrifft nur den einen der zwei Bauten von Graessle an der Albisstrasse, jenen mit der Hausnummer 9. Es sei den Leser:innen überlassen, die expliziten und impliziten Bezüge unserer Neufassung der Albisstrasse 9 zu dieser Einordnung herzustellen.
- Bildnachweise:
Bahnhof Enge: Zeitgenössische Postkarte | Bahnhof Wiedikon: Werk 14/1927 | restliche Bilder: Archiv Bauherrschaft




























